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erschienen in der Thüringer Allgemeine vom 19.05.2004, von Dr. Karl Heinz Veit

Platz für Fantasie

Das kollektiv nina machts war zum zweiten Mal in Gehren zu Gange. Um in Gehren Theater zu machen, hat nicht nur die Nidderbühne aus der Partnergemeinde das Vorrecht. Auf diese Mimen, die dem Schwank und Derbspaß verpflichtet sind, müssen die Gehrener noch warten. Zum zweiten Mal und als Privatinitiative von zwei Gehrener Familien gestartet, war die Schauspielertruppe des kollektiv nina machts am Freitagabend zu Gange. Die wenigen jungen Leute aus dem Raum Erfurt machen Theater, das sich an großen Vorbildern wie Brecht orientiert. Sie setzen sich höchste Maßstäbe und wollen mit ihrem Tun ebensolchen Ansprüchen gerecht werden. Das gilt für die Themenwahl und die selbst geschriebnen und ideenreich umgesetzten Stücke gleichermaßen. Dass das kollektiv nina machts mit seiner Art und Auffassung Theater zu spielen nicht unbedingt die breite Masse anspricht, sondern ein Publikum, das sich vor der Anstrengung des Denkens und der Lust daran nicht scheut, war in Gehren auch diesmal zu beobachten. Knapp 50 Leute, etliche Auswärtige darunter und nicht wenige jüngere Menschen, bildeten eine äußerst interessierte, aufmerksame und mitgehende Zuhörergemeinde.

Romea+Julio (keine Liebe am Gemüseregal) lautete der Titel des Stückes in Anlehnung und sinnfälliger Verkehrung dessen, was Shakespeare in die Welt brachte. Was ist der Mensch? Was ist Liebe? Wie sucht der Einzelne sein Glück und wo meint er, es finden zu können? Diese Fragen philosophischen Inhaltes wurde nicht verbal und direkt gestellt, aber theatralisch tief schürfend bearbeitetet, einschließlich gesellschaftskritischer Betrachtungen und Wertungen. Romea als weiblicher Spielball männlicher Geschäftsinteressen, hin und her gerissen zwischen ihrem Anschaffungsgeschäft und der Sehnsucht nach Liebe, Gefühlen und Geborgenheit, ist die Hauptfigur des Stückes. Ihre Glücks- und Lebenssinnsuche, bei der sie sich in unterschiedliche Abhängigkeitsverhältnisse begibt, provoziert zur Parteinahme. Wie moralisch können Verhältnisse in einer Welt sein, die selbst den Menschen, namentlich seinen Körper, zur verkäuflichen Ware degradieren? Die Antworten darauf konnten die Zuhörer der Handlung, den Texten, den mit Akkordeon begleiteten Liedern, den eingeblendeten Werbespots und dem gesamten Schau-Spiel entnehmen. Auf das Wesentliche konzentriert war das karge Bühnenbild. Dieses gab der Zuschauerphantasie viel Raum und erhob die verbalen und körpersprachlichen Aktionen. Ein Zeitstück von hoher Brisanz, des Erlebens, Nachdenkens und der Diskussion darüber wert brachte das kollektiv nach Gehren. Auf ein Wiedersehen freuen sich begeisterte Zuschauer.

 

* Romea und Julio

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