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erschienen im Freien Wort vom 17.05.2004, von Uwe Appelfeller

Werbespots und Wertekritik

Die Idee von Ralph Riesmeier und Romy Hornschuh ist durchaus lobenswert. In Gehren gibt es mehrere alte Bühnen. „Wir veranstalten einfach auf jeder davon mal etwas“, schaut Ralph Riesmeier in die Zukunft. Damit meint er jedoch nicht die Unterhaltung auf Karnevals- oder Kirmesebene. Im Gegenteil, wenn die beiden oben genannten Personen sich für eine Veranstaltung verantwortlich zeichnen, dann kann man sicher sein, einen kulturellen Leckerbissen vorgesetzt zu bekommen.

Das Erfurter Theaterkollektiv „Nina macht's“ hinterließ vor einem Jahr bereits seine Visitenkarte in Gehren, damals noch im BIAW-Schulungsgebäude. Qualitativ hochwertiges Schauspiel wurde damals wie auch am vergangenen Wochenende geboten. Diesmal fand das Theater im Gemeindehaus statt, dessen Bühnenbereich erst vor kurzem renoviert wurde.„Romea und Julio – keine Liebe am Gemüseregal“ hieß ihr neues Stück. Es stammt aus der Feder von Alexander Platz, der gemeinsam mit Poul Weygel den harten Kern des Theaterkollektivs bildet. Platz selbst spielte nicht, sondern übernahm die Rolle des Regisseurs und sorgte für die aufwändigen technischen Licht- und Toneffekte. Die Story selbst ist ein „eckiges, dialektisches Stück – genau wie das Leben“, wie Platz selber sagt, in Form einer Liebesgeschichte ohne Happy End. Einige Änderungen in der Besetzung wirkten sich nicht nachteilig auf das neue Stück aus, im Gegenteil. Die junge Romea, deren unschuldige Naivität reizend von Judith Schütze verkörpert wird, muss sich als Neuling in der Großstadt prostituieren. In dem gefühlvollen Barkeeper Balthasar (mit beeindruckender Mimik dargestellt von Sebastian Tippelt) findet sie die große Liebe. Doch auch der brutale Zuhälter Julio (Paul Schröder) und der schmierige Herr Juliani (Poul Weygel) haben es auf die Gunst der jungen Grazie abgesehen.

Eine Wertekritik in das Stück einzuflechten bietet sich natürlich an, wenn Romea dem Lockruf des Wohlstandes verfällt. „Es gibt keine Moral“, darf Julio während eines Dialoges dem Zuhörer mitten ins Gesicht sagen. Milieukritik dagegen wird nicht geübt, wenngleich Regisseur Alexander Platz von „einem klassischen bürgerlichen Muster“ spricht: Liebe und Freude sind käuflich, genauso wie dem Zuschauer plötzlich die ganze Welt käuflich erscheint. Auch die drei eingespielten, teils makaberen Werbespots (deren Verständnis eine gehörige Portion schwarzen Humor voraussetzt) passen sich dieser Grundaussage an und verleihen der Aufführung zudem einen sehr modernen Charakter. „Wir hören zu Denken auf, sobald wir glauben, irgendwo angekommen zu sein.“ Balthasars Verzweiflung schließt sich das Veranstalterduo Riesmeier und Hornschuh zum Glück nicht an: Auch nächstes Jahr wird es wieder Theater in Gehren geben.

 

* Romea und Julio

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