Startseite
  kollektives archiv gäste presse links kontakt
 
   
 

erschienen in der t.akt 02/2004, das Gespräch führte Sylvia Obst

Auch wir sind einmalig

„kollektiv_nina_machts“ macht’s ... Theaterleben bunter

Im Gespräch mit den zwei Kollektiv-Köpfen über Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges

Begonnen habe alles so ungefähr im Jahr 1999, sagen die beiden fast zeitgleich. Sie hatten bei gemeinsamen Spaziergängen festgestellt, dass man etwas mit den Gedichten des einen anfangen sollte. So beschlossen sie beide irgendwann: „Bringen wir’s heraus!“ Und dann haben sie es herausgebracht. Was? Tja, zuerst kamen sie mit „einemannundzweifrau“, gefolgt (2000) von „Radtknecht, das erste Mal und warum Nebelkrähen in Behandlung sind“. In seiner jetzigen Form arbeitet das „kollektiv“ seit Dezember 2001 zusammen. Neben einigen kleinen Produktionen machten sie im Sommer 2002 mit dem Theatergroßprojekt „Die Glasoberen – ein überflüssiges Märchen aus Leiter“ auf sich aufmerksam. Seit Dezember 2002 ist das kollektiv_nina_machts mit dem aktuellen Stück „Tanko Laulu – Zuhause, das sind die anderen“ auf Tour. Das wird es auch weiterhin geben, dazu aber noch was gänzlich Neues. Deshalb sprachen wir mit den beiden Theaterenthusiasten, Initiatoren, Machern, Organisatoren, Regisseuren und Darstellern Poul Weygel und AP.

Tolle Ideen habt ihr ja, die Titel eurer Stücke machen neugierig. Aber, was ist das für eine Art Theater?
AP: Von der Struktur her sicherlich eine Art Off-Theater. Vom Prinzip her ist es die Form Poul-Weygel-AP. Bitte keine Vergleiche mit anderen Theaterformen! Auch wir sind einmalig!

Als was seht ihr euch selbst in erster Linie an?
AP: Ich bin ein imperter Dichter.
Poul: Und ich ein Ausdruckskünstler.

Ist das Theatermachen euer Hobby oder sind es für euchEntspannungsübungen?
AP: Also, es ist auf jeden Fall kein Hobby, eher unsere Existenzberechtigung ...
Poul: Tja, Entspannung ist ja der Sinn des Lebens. Bedenkt doch mal, man kann schließlich heute nicht nur Theater machen, man muss gleichermaßen zusehen, wie man das, was man macht, auch an den Mann (oder die Frau!) bringt. Man kann auch anspruchsvolle Sachen machen, die gängig sind – und unterhaltsam. Alles das ist für uns wichtig. Und noch viel mehr.

Was ist noch wichtig?
AP: Wir wollen nach dem Theatermachen nicht sofort nach Hause und wir wollen auch nicht, dass unser Publikum sofort nach Hause will.
Poul: Wir machen zwar Theater in Erfurt, aber wir wollen kein Theater nur für Erfurt machen. Erfurt ist sicherlich immer wieder eine gute Basis, aber wir gehen auch raus – wie bei „Tanko Laulu“ – nach Arnstadt, Ilmenau, Suhl, nach Stuttgart und an den Bodensee. Wir sind in Thüringen und anderswo unterwegs.
AP: Wir machen kein klassisches Theater und können ganz andere Stimmungen erzeugen, wir spielen meist beispielsweise (oft) ebenerdig. Nach der Vorstellung wird abgebaut, getanzt, gelacht und locker geplaudert. Wir wollen raus aus allem Gestelzten. Wir machen kein Theater für Eliten.

Habt ihr für eure Theaterform ein Grundkonzept?
Poul: Eigentlich nicht, und doch. Grundsätzlich wollen wir immer mit den Zuschauern ins Gespräch kommen. Nach jeder Vorstellung, immer. Andererseits müssen alle, die bei uns mitspielen (wir auch!) vor und nach dem Spiel Getränke verkaufen. Die Leute, die mitspielen, gilt es, nach dem künstlerischen Höhenflug einfach wieder „zu erden“.

Gibt es Prinzipien?
Poul: Klar. Wir erzählen skurrile Geschichten in einem skurrilen Raum. Die Bühnenbilder sind aufs Wesentlichste reduziert. Da wohnen da z.B. drei Leute, die sich nicht kennen.
AP: Jeder Gegenstand, der auf der Bühne steht, wird zweimal bespielt. Alles andere muss runter von der Bühne. Wir wollen durch Minimalismus und Abstraktion zum Kern der Sache vordringen.

Ihr schreibt und entwerft eure Stücke selbst. Wem fällt da was immer zuerst ein oder wer macht mehr und wer weniger?
Poul: Ooooch ... Ich habe die Idee und meine, das und das musst du schreiben.
AP: Ja ja, ich hör’ mir das an, schreibe was ganz anderes und erzähle dann Herrn Weygel, dass das genau das ist, was er gemeint hat.
Poul: Ich glaube das und denke, ich bin ein toller Hecht.
AP: So einfach geht das.

Und weiter?
AP: Normal. Wir fragen uns, wie alle anderen Theater-Macher auch, wer sollte da außer uns noch spielen? Wer finanziert das? Wo führen wir es auf? Wie groß sollte die Bühne sein? Wie oft wird wohl das Stück laufen?

Wie oft laufen eure Stücke meistens?
Poul: Meistens so zwischen 10-15-mal. Meistens zwei bis drei Jahre lang. Eingeladen werden wir auch zu Festivals.

Habt ihr Vorbilder?
AP: Nee.
Poul: Doch, uns.

Was kommt jetzt dran?
AP: Romea und Julio. Unterzeile: Keine Liebe am Gemüseregal. Es ist die Geschichte einer Frau, die sich durchs Leben schlagen muss und Leute trifft.
Poul: Nach dem etwas ruhigeren „Tanko Laulu“ soll es jetzt wieder richtig krachen.

Wo und wann erleben wir die Premiere?
Poul: Anfang Mai ist Premiere, im Erfurter Kollegium Maius der alten Universität, also schön gelegen, mitten im Stadtzentrum.

Wie sieht eure Zukunft aus?
AP: Gut.
Poul: Sehr gut. Die Zukunft ist ja schon da. Im Moment. kollektiv_nina_machts verändert die Welt.

--

Poul Weygel
Geboren im Osten Deutschlands. Kleinstadtschule bewältigt, Lehre und Wende überlebt, Studium in Erfurt, erste musikalische Auftritte mit „Petruschka“ (Russian-Speed-Comedy), Fahrradreisen durch Mittelamerika. Ab 1999 Mitbegründer der Kleinkunstbrigade „Anna Kram“ und Teilnahme beim Theaterherbst in Greiz sowie Initiator und Akteur beim Kleinkunstkongress „Kochen für Europa – gesund und schön durch Euroland“ in Erfurt. Danach Mitbegründer von kollektiv_nina_machts. Seit 2002 redaktionelle Mitarbeit bzw. Showacts bei der Popshow „Kudernatschs Kautsch“ in Erfurt.

Alexander Platz (AP)
AP bezeichnet sich selbst als imperter Dichter. Impert ist hierbei durchaus als das Gegenteil von expert zu verstehen. So zieht er weitab vom allgemeinen Literaturbetrieb seine Kreise. Sei es nun aus Mangel an Talent oder aufgrund seiner beinahe krankhaft inszenierten Kontakt-unfähigkeit.
Platz ist Mitbegründer und Autor des kollektiv_nina_machts. Er schreibt zudem für diverse Zeitungen und Zeitschriften, andere Theaterprojekte sowie diverse Zeitungen und Zeitschriften. 1999 erhielt er den Förderpreis des „Hessisch-Thüringischen Literaturforums“, im Jahr 2000 erschien der Gedichtband „Der Trompetenkäfer in Feodosija“, im Jahr 2003 „Manchesterhosen United – Gedichte und Kurzprosa“.

 

* Zurück zu den Pressetexten

archiv