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erschienen in der areal 2001, von Daniel Tanner

Spuren der Verwirrung

Gedanken zum Dichter Alexander Platz und dem neuen Stück vom ”kollektiv_nina_machts”, das gerade in Erfurt Premiere hatte

Seit nunmehr fast drei Jahren verfolgt die areal-Redaktion die Laufbahn von Gothas meistunterschätzter Dichterhoffnung Alexander Platz. Angefangen hat alles mit seinem grandiosen Coup beim “Hessisch-Thüringischem Literaturwettbewerb” 1999, dessen Jury angesichts des “Filzlausliebesspiels” die Spucke weg und nichts anderes übrig blieb, als das Gedicht mit einem ersten Preis zu versehen. (siehe areal 01/99) Man kann von einem Glücksfall sprechen, dass danach die areal den Dichter als Autoren gewinnen konnte. Dann - nur ein Jahr später - der erste Gedichtband: “Der Trompetenkäfer in Feodosija”. (siehe areal 01/00) Die Literaturszene ist begeistert (“Einer, der tief in seine Muse geschaut hat”, René Lieu), die Presse überschlägt sich mit Lobhudeleien, die der Dichter großmütig an sich abgleiten lässt. Die Lesungen sind überfüllt, Platz avanciert zum Szeneliebling. Seine Auftritte zeigen ihn als souveränen Entertainer, der sein Publikum charismatisch vor die Wahl stellt: “Wenn ihr nicht für mich seid, seid ihr gegen mich”.

Und so schien es nur geradezu folgerichtig, dass Alexander Platz im Jahr 2000 mit dem Erfurter Szene-Hipster und Top-Organisator Poul Weygel das “kollektiv_nina_machts” gründete, zu dem kurze Zeit später noch die theatererfahrene Jösar Nacht hinzustieß und damit für den geschlechtlichen Ausgleich sorgte. In ihrem ersten Stück “einemannundzweifrau” entzündeten sie ein implosives Gemisch zwischen Theater und Lesung. Es gelang ihnen schon hier, erotische Phantasien mit zügelloser Selbstüberhöhung und Klassenkampf zu vereinen. Die Platz-Texte wurden von den dreien in so unnachahmlicher Weise interpretiert, dass sie im Publikum regelrechte Lachsalven auslösten. Es wurde zuweilen auch laut gerülpst.

Das neue Stück

Die herrliche Dialektik zwischen Werden und Vergehen machte jedoch auch vor ”nina_machts” nicht halt. Ein Ausruhen auf den geernteten Lorbeeren - ein undenkbarer Zustand für das Kollektiv. Folgerichtig wurde ein neues Stück inszeniert, neue Texte einstudiert (die wiederum allesamt von Alexander Platz stammen) und dem geneigten Publikum am 27. Oktober 2001 im Café DUCKDICH der Erfurter Engelsburg dargeboten. Titel: “Radtknecht, das erste Mal und warum Nebelkrähen in Behandlung sind.”

Der erste Eindruck der Zerstreuung, den der Titel vermittelt, spiegelt sich auch auf der Bühne wider. Das Geschehen ist aufgeregter als beim ersten Stück, die Texte scheinen zuerst wahllos aneinender gereiht, die Untermalung seltsam unvollkommen und gebrochen. Erst beim zweiten Hinsehen erschließt sich dies als dramaturgisches Konzept. Dem Brechtschen Epischen Theater nicht unähnlich, werden die Brüche absichtlich herbeigeführt. Der Zuschauer verharrt im Nachdenken über das Gesagte und wird nur einen Moment später mit einem völlig unerwarteten Text oder Gestus konfrontiert. So kommt es, dass im Kopf des Zuschauers beispielsweise das “Ringelblümchen” - als Symbol einer trägen und sentimentalen Bürgerlichkeit - und die Entlarvung des bürgerlichen Freiheitsbegriffs (“Wenn sie von Freiheit reden”) zusammendenken muß. Erst wenn die Liebe von ihren Fesseln befreit ist, kann eine wirkliche gesellschaftliche Umwälzung stattfinden, könnte eine hypothetische Schußfolgerung sein. Der Gedanke an Wilhelm Reichs “Einbruch der sexuellen Zwangsmoral” scheint hierbei gewollt.

Auf den Höhepunkt wird das Spiel getrieben, als unvermittelt die Zeilen dreier Gedichte von den drei Akteuren scheinbar wahllos miteinander vermengt werden und diese Verwirrung erst am Ende der Szene aufgeklärt wird. Ein assoziativ denkender Zuschauer ist gefordert.

Dass dabei jedoch kein ‘trockenes‘ Stück herauskommt versteht jeder, der auch nur ein Platz-Gedicht gelesen hat. Das Stück lebt eben auch von seiner Komik und den oft genialen und überraschenden Einfällen, die zu großen Teilen Poul Weygels blühender Phantasie geschuldet sind. Jösar Nacht glänzt mit schauspielerischer Brillianz und wechselt scheinbar mühelos die Geschlechterrollen (“Die Behandlung”). Die zukunftsweisende Fähigkeit des Kollektivs beweist sich in der m.E. als Höhepunkt zu wertenden Umsetzung des blasphemischen Gedichts “Geburt eines Propheten”. Hier wird gesteigerter Exhibitionismus mit dynamischer Darbietung verbunden. Das Zusammenspiel von Weygel, Nacht und Platz ist überzeugend und hinterlässt Spuren der Verwirrung. So soll es sein und so wünschen wir es uns auch in diesen Zeiten. Die areal wird selbstverständlich diese Spuren weiterverfolgen und die geneigten Leserinnen und Leser zum entsprechenden Zeitpunkt informieren.

 

* Radtknecht, das erste Mal und warum Nebelkrähen in Behandlung sind

* einemannundzweifrau

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